Anhörung Hessicher Landtag

Als MJD begleiten wir junge muslimische Menschen tagtäglich in ihrem Alltag. Dass unsere langjährige Praxiserfahrung auch eine unverzichtbare Stimme in der Extremismusprävention ist, zeigt unsere Einladung als Expertin zu einer öffentlichen Anhörung im Hessischen Landtag am 22. Januar 2015.

In unserem Vortrag stellten wir das Paradox heraus, dem sich junge Musliminnen und Muslime in den Debatten rund um die Themen Islamismus und Salafismus ausgesetzt sehen: Während muslimische Jugendliche und muslimische Jugendverbände, darunter auch wir, selbst Anfeindungen, Rekrutierungsversuchen und teilweise Bedrohungen von Extremisten ausgesetzt sind, werden sie in der öffentlichen Debatte paradoxerweise gleichzeitig oft selbst als potenzielle Gefahr stigmatisiert. Diese Sichtweise wird der Realität junger Menschen nicht gerecht und erschwert genau jene Arbeit, die Radikalisierung vorbeugen kann: vertrauensvolle Begleitung, echte Teilhabe und das Stärken einer positiven Identität.

Im Rahmen unseres Vortrags haben wir hervorgehoben, dass Radikalisierung in den allermeisten Fällen nicht aus einem einzigen Grund entsteht. Persönliche Krisen, biografische Brüche, Perspektivlosigkeit, Ausgrenzungserfahrungen, schwierige Familienverhältnisse oder die Suche nach Zugehörigkeit können eine Rolle spielen. In diesen Kontexten suchen Jugendliche oft nach Halt.

Diesen bekommen sie vermeintlich durch einfache Antworten von Extremisten oder aber durch Räume, Vorbilder und Angebote, die ihnen zeigen, wer sie sein können und durch die sie herausfinden, wer sie sein möchten. Genau da setzen wir als MJD mit unserer Arbeit an: Durch die Vermittlung einer deutsch-muslimischen Identität, die Vielfältigkeit zulässt, sollen muslimische Jugendliche erfahren, dass ihr Glaube, ihre muslimische Identität und ein Leben in Deutschland nicht im Widerspruch zueinander stehen. Sie sind Teil dieses Landes, können ihre Religion selbstverständlich leben und zugleich demokratische Prozesse aktiv mitgestalten. Diese Erfahrung entsteht nicht von allein. Sie braucht kontinuierliche Angebote, Begegnungen und Bildungsformate – etwa Workshops, Seminare, Bildungsreisen, Gespräche mit Politiker:innen oder Formate zu Islam, Demokratie und gesellschaftlicher Verantwortung.

Gleichzeitig haben wir hervorgehoben, dass die Entwicklung einer solchen Identität keine Einbahnstraße ist. Sie braucht auch eine Gesellschaft, die jungen, selbstbewussten Musliminnen und Muslimen offen begegnet und ihnen Zugehörigkeit nicht abspricht. Ausgrenzung, antimuslimischer Rassismus und pauschale Verdächtigungen können das Gefühl verstärken, nicht dazuzugehören. Genau diese Erfahrungen werden von extremistischen Gruppen instrumentalisiert, um ein Denken in „wir“ und „die“ zu fördern. Umso wichtiger sind Anerkennung, Begegnung und eine klare Haltung gegen jede Form von Rassismus.

Deswegen braucht es auch auf institutioneller Ebene für eine wirksame Präventionsarbeit die ernsthafte Anerkennung von und Zusammenarbeit mit muslimischen Akteur:innen und Organisationen. So können junge Musliminnen und Muslime selbst eine Vorbildrolle einnehmen: Sie zeigen, wie ein reflektiertes religiöses Leben, demokratische Haltung und gesellschaftliches Engagement zusammengehören. Dafür müssen muslimische Organisationen kritisch, aber fair und differenziert betrachtet werden. Wer sich aktiv für die freiheitlich-demokratische Grundordnung, für Teilhabe und gegen Extremismus einsetzt, sollte nicht unter Generalverdacht gestellt, sondern als wichtiger Partner wahrgenommen werden.

Wir bewegen uns hier, wie auch andere muslimische Jugendorganisationen, oft in einer herausfordernden Doppelrolle: Während wir uns klar gegen extremistische Strömungen abgrenzen und dafür von Radikalen angefeindet werden, müssen wir uns gleichzeitig in der Öffentlichkeit gegen unberechtigte Pauschalvorwürfe behaupten. Wissenschaftler:innen und zivilgesellschaftliche Akteure, die unsere Arbeit seit Jahrzehnten begleiten, schätzen unseren klaren Einsatz für die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Vor diesem Hintergrund appellierten wir im Landtag abschließend an die anwesenden Verantwortlichen aus Politik und Gesellschaft, Akteur:innen der muslimischen Jugendarbeit differenziert, sachlich und ohne Voreingenommenheit zu begegnen. Nur wer sich vor Ort selbst ein Bild macht, verhindert, dass wichtige Brückenbauer:innen durch einen pauschalen Generalverdacht beschädigt werden. Gut verankerte muslimische Jugendliche sind der entscheidende Schlüssel im Kampf gegen Radikalisierung, da sie für Gleichaltrige auf Augenhöhe als authentische Vorbilder und Wegweiser im Alltag dienen können.